Familien haben in den letzten Monaten aufgrund des Lockdowns deutlich mehr Zeit als sonst miteinander verbracht und das manchmal auch auf engem Raum. Wie hat sich die Corona-Pandemie auf den Alltag von Kindern und Jugendlichen ausgewirkt? Und wie bleibt das Jugendamt in Kontakt mit den Familien? Marion Klein, Leiterin des Jugendamtes Rhein-Kreis Neuss, schildert im Interview ihre Erfahrungen.

Wie haben Familien die Corona-Zeit bisher aus Ihrer Sicht gemeistert?

Grundsätzlich kann man sagen, dass die Corona-Pandemie den Alltag von uns allen völlig auf den Kopf gestellt hat. Der Grad der Belastung ist jedoch sehr unterschiedlich. So sind Familien mit geringem Einkommen und mit einer kleinen Wohnung sehr viel mehr gefordert als gutverdienende Familien mit Haus und Garten. Wir haben beobachtet, dass alle Familien weit über ihre Grenzen hinaus durchgehalten haben. Sie sind kreativ geworden und haben Wege gesucht, um die Zeit – die ja immer noch andauert – so gut wie möglich zu überstehen. Auch wenn alle wirklich ihr Bestes gegeben haben, wird es dringend Zeit für Perspektiven. Viele Familien sind bereits am Ende ihrer Kräfte.

In welcher Form sind die Familien kreativ geworden?

Es wird zum Beispiel mehr zusammen gekocht, geredet und gespielt. Auch ausgiebige Spaziergänge sind für viele zum festen Bestandteil des Alltags geworden. Außerdem nutzen viele Menschen jetzt Technik anders und neu, etwa für Videokonferenzen mit Oma und Opa. Ich finde, Familien wird sehr viel abverlangt, und sie haben bereits eine enorme Leistung erbracht.

Was waren zuletzt die größten Herausforderungen für Kinder und Jugendliche?

Das ist natürlich sehr individuell, aber sicherlich gehören geschlossene Schulen und Kitas sowie Homeschooling dazu. Kinder und Jugendliche brauchen Freiräume zum Ausprobieren und Experimentieren, und davon ist ein großer Teil weggefallen. Persönliche Treffen mit Freunden sind kaum möglich, und vielen fehlt die Abwechslung.

Haben Sie einen Anstieg der Gewalt gegen Kinder beobachtet?

Einen erheblichen Anstieg von Gewalt haben wir bislang nicht beobachtet. Allerdings wurden Interventionen durch das Jugendamt dort erforderlich, wo bereits bestehende Konflikte stärker eskaliert sind. Verständlicherweise ist die Stimmung in einigen Familien angespannt, wodurch der Umgang miteinander ruppig und unangemessen wird. Hier sind wir gefragt und versuchen zu helfen, indem wir die Familien intensiv beraten und begleiten.

Wie arbeitet das Jugendamt in Corona-Zeiten?

Wir haben die Arbeit im Allgemeinen Sozialen Dienst unter den geltenden Corona-Hygienevorschriften fortgeführt. Kinder- und Jugendschutz kann nicht nur vom Schreibtisch aus geschehen, dazu gehören auch Hausbesuche und der persönliche Kontakt. Teilweise haben wir Beratungsgespräche im Freien angeboten. Darüber hinaus sind unsere Jugendeinrichtungen über digitale Plattformen weiterhin erreichbar und bieten jede Menge Spiel-, Bastel- und Freizeittipps. Sie unterstützen ebenfalls beim Homeschooling und beraten auch persönlich.

Gab es auch positive Aspekte für Kinder und Jugendliche?

Gerade jüngere Kinder haben mehr Zeit als sonst mit ihren Eltern verbracht; es war Zeit für Dinge wie Malen oder Spielen, die sonst im Alltag zu kurz kommen. Ältere Kinder und Jugendliche haben sich intensiv mit Themen wie Freundschaft oder Umwelt auseinandergesetzt. Außerdem haben viele mehr Zeit als sonst draußen verbracht. Positiv waren auch der bewusste Umgang mit Digitalisierung und der enorme Lernprozess, der hier zwangsweise stattgefunden hat.

Was können wir aus der Corona-Zeit lernen, und wie sehen Sie die Zukunft?

Die gemeinsame Bewältigung einer Krise kann durchaus im Rückblick betrachtet eine gewinnbringende Erfahrung sein. Wir haben gelernt, flexibler und kreativer im Handeln und Denken zu werden. Denn wir mussten uns immer wieder auf neue Situationen einstellen und bedarfsorientierte Lösungen entwickeln. Für die Zukunft sehe ich das größte Problem darin, einen Marathon zu laufen, von dem niemand weiß, wieviel man schon geschafft hat.

Stichwort Kreisjugendamt: Das Jugendamt Rhein-Kreis Neuss ist für die Städte Korschenbroich und Jüchen und für die Gemeinde Rommerskirchen und damit für rund 69 000 Einwohner zuständig. Die Jugend- und Familienhilfe ist in Korschenbroich erreichbar unter Tel. 02161 6104-5110, in Jüchen unter 02165 917-905/906 und in Rommerskirchen unter 02183 81393.