Als der sogenannte Volks- und Bauernkreuzzug im Vorfeld des ersten Kreuzzuges im Sommer des Jahres 1096 das Rheinland durchzog, kam es zu Pogromen gegen die jüdischen Gemeinden von Speyer, Worms, Trier und Köln. Aufgestachelt durch Predigten gegen die Juden zum Beispiel von „Peter dem Einsiedler“ in Köln, aber auch angeführt durch regionale und militärisch vorgehende Fürsten wie Emicho von Leichingen, zogen bis zu 20.000 Menschen zwar als Volks- und Bauernkreuzzug zunächst gen Jerusalem, kamen aber insbesondere im Rheinland auf die Idee, die Juden als vermeintliche „Feinde der Christen“ heimzusuchen. Mehrere tausend jüdische Menschen wurden so Opfer der Pogrome. Der Kölner Erzbischof Hermann III. von Hochstaden verteilte die Kölner Juden auf sieben der in seinen dortigen Territorien vorhandenen Burgen bzw. befestigten Städten, die unter anderem auch in Neuß und Wevelinghoven verortet werden.Doch der Schutz sollte vergeblich sein, am 24. Juni, dem Johannisfest, fanden die Kreuzzugsscharen die Juden in Neuss und suchten sie heim, am Abend des 24. Juni 1096 fielen die Horden dann in Wevelinghoven ein. Taufe oder Tod – vor diese Alternative gestellt entschieden sich fast ausnahmslos alle Juden, die vor den Verfolgern nach Wevelinghoven geflohen waren, in den Benden rund um die Burg für den Freitod.

Drei zeitgenössische hebräische Berichte sind über die Pogrome des Jahres 1096 erhalten, zwei davon erzählen auch detailliert über die Ereignisse in Wevelinghoven. Der Bericht des Elieser bar Nathan spricht dabei ausdrücklich von der „Ortschaft Wevelinghoven“ und ist damit die erste quellenkundliche Erwähnung Wevelinghovens als Ort. Die zweite Chronik des Salomon bar Simson wird deutlich, was der Märtyrertod der nach Wevelinghoven geflohenen Juden bedeutete, die sich vor die Alternative Tod oder Taufe gestellt sahen. In einer sehr detaillierten, erschütternden und zugleich sehr berührenden Weise berichten die beiden Chronisten von den Ereignissen: Mar Elasar HaLevi und seine Ehefrau litten tagelang in den Sümpfen, „die Feinde peinigten sie mit großen Qualen und fügten ihnen viele Wunden zu, kamen stündlich, denn die Wasserseen, von wo sie herausgegangen, lagen in der Nähe des Ortes, sie pflegten sie hart zu schlagen“. Beide Eheleute verweigerten sich der Zwangstaufe, Elasars Frau starb als erste an Hunger und Durst, ihr Mann überlebte sie noch um drei Tage. Vor die Alternative Tod oder Taufe gestellt, wählen viele Juden nicht nur den Freitod, sondern richteten sich selbst oder sogar gegenseitig. .“ „Und als die Feinde vor die Ortschaft kamen, da stiegen „hinauf auf den Turm einige von den Frommen“, sie stürzten sich in „rings um den Ort“ fließende Erft und „ertränkten sie sich im Fluß und starben allesamt“. Diejenigen, die den Sturz überlebten oder nicht ertranken, richteten sich gegenseitig. „Bräutigame und schönen Bräute, alte Männer und Frauen, Jünglinge und Mädchen streckten den Hals aus und schlachteten einander, sie gaben ihre Seele dahin zur Heiligung des Namens in den Wasserseen rings um die Ortschaft“. Zur religiösen Rechtfertigung des im jüdischen Glauben an sich verbotenen Suizids nahmen die Chronisten dabei Bezug auf die Opferung Isaaks, verglichen den gegenseitigen Suizid mit einer rituellen Schlachtung. So tat es auch der Lehrer R. Samuel der Alte mit seinem Sohn Jechiel, um der Zwangstaufe zu entgehen und ließ sich dann durch den Kölner Synagogendiener Menachem selber richten. Dieser stürzte sich zuletzt ebenfalls in das Schwert. Es gab kaum Überlebende und der Pogrom fand nicht nur in Wevelinghoven, sondern mit einer Ausnahme in allen sieben Ortschaften, wohin der Kölner Erzbischof die Juden verbracht hatte, statt. So heiligten die rheinischen Juden den Namen Gottes – als „Kiddusch ha Shem“ sind ihr Märtyrertod und die rheinischen Pogrome in das kollektive jüdische Bewusstsein des aschkenasischen Judentums bis heute präsent. „Gezerot Tatnu“, die Verfolgungen des Jahres 4856 des jüdischen Kalenders, ist bis in unsere Tage außerdem im synagogalen Ritus vertreten, vor allem durch das Gebet „Aw HaRachamim“, das unmittelbar nach den Pogromen entstand. In vielen sogenannten Memorbüchern jüdischer Gemeinden wird der Opfer der Pogrome auch aus Wevelinghoven gedacht. Bis in unsere Tage wird das Gebet „HaRachamin“, nach dem Holocaust auch in Erinnerung an über sechs Millionen in Vernichtungslagern ermordeten Menschen gebetet.

Im Jahr 1996 gab es in Wevelinghoven eine vom BSV Wevelinghoven organisierte historische Woche, in der das Pogrom in Wevelinghoven thematisiert wurde. Unter anderem wurde am mutmaßlichen historischen Ort an der Motte in Wevelinghoven im Zubend an der Erft eine Gedenkstele aus Stahl sowie ein Gedenkstein aufgestellt. Außerdem wurde in einer interreligiösen Gedenkstunde mit Geistlichen der christlichen Kirchen und der jüdischen Gemeinde Mönchengladbach ein Gedenkstein errichtet und eine Zeder gepflanzt. Der Geschichtsverein hatte erstmalig einem breiteren Publikum in Grevenbroich die hebräischen Berichte und den Hintergrund des örtlichen Pogroms im Rahmen einer Ortsteilmonografie nähergebracht. Am 24. Juni 2021 – 925 Jahre nach den Ereignissen in Wevelinghoven – erinnerte nun der Geschichtsverein, gemeinsam mit dem Kreisheimatbund und weiteren Vereinen aus Wevelinghoven, an den Jahrestag und der jüdischen Menschen.