Die Wirtschaftsförderung des Rhein-Kreis Neuss legt den ersten Bericht zu den betrieblichen Innovationsstrukturen im Rhein-Kreis Neuss mit seinen acht Kommunen vor. Die Studie wurde von der Projektgemeinschaft Synergie 2, Dr. Rainer Bovelet (Aachen), und ProCME, Dipl. Kfm. Chris Proios (Neuss), zwischen April und Mitte Juni 2020 erarbeitet. Die zentrale erkenntnisleitende Frage der Studie lautet: Wie groß ist der Anteil von Unternehmen im Rhein-Kreis Neuss und in seinen acht Kommunen, die als innovativ (im engeren und im erweiterten Sinne) eingestuft werden können?

„Die Wirtschaft befindet sich aufgrund des Strukturwandels und der fortschreitenden digitalen Transformation in einem enormen Veränderungsprozess. Die Auswirkungen der Corona-Krise bringen zusätzliche Herausforderungen. Mit meiner Wirtschaftsförderung unterstütze und fördere ich die Unternehmen in ihrer Innovationtätigkeit und Innovationskraft“,  betont Landrat Hans-Jürgen Petrauschke. Die Untersuchung differenziert die rund 20.000 wirtschaftsaktiven Unternehmen des Rhein-Kreises zunächst nach dem Grad resp. der jeweiligen Stärke ihrer Innovationsaffinität. Die Zuordnung der Firmen erfolgt zu insgesamt 7 Sektoren. Diese werden dann – der besseren Übersicht wegen – nochmal in 3 große Bereiche verdichtet: den Innovationsclustern von hoher Innovationsstärke bis zu geringer Innovationsstärke.

Auf der Basis der erfolgten Zuordnung zu einer der drei Innovationscluster werden die Unternehmen in der Studie vertieft analysiert: Wie verteilen sich die Betriebe cluster-abhängig auf die acht Kommunen? Wie stark sind kleine, mittlere und große Unternehmen in den einzelnen drei Innovationsclustern vertreten, wenn man deren Umsätze, Mitarbeiterstärke und das Alter betrachtet? Und zuletzt: wie produktiv und finanziell solide sind die Betriebe im Durchschnitt in den drei Gruppen? Weisen innovative Unternehmen die „besseren“ betriebswirtschaftlichen Kennzahlen aus als ihre nicht so innovationsstarken Marktbegleiter?

Methodisch wurden dabei erprobte Mess- und Strukturierungsverfahren der deutschen Innovationsforschung zur Bestimmung und Messung des Innovationsgeschehens bzw. -niveaus eingesetzt. Im Vordergrund stehen Unternehmen, in denen eine systematisierte „Forschung und Entwicklung“ (FuE) betrieben wird. Die Zuordnung aller Unternehmen nach ihrem Innovationsverhalten erfolgt grundsätzlich nach einzelnen Branchen, die nach dem bundesweit gültigen so genannten WZ Code 2008 unterschieden werden. Eine vergleichbare Analyse zum Innovationsgeschehen, die einerseits tief bis auf die lokale Ebene einzelner Kommunen eines Flächenkreises herunterbricht, und die andererseits umfassende betriebliche Kennziffern den Betrieben einzelner Innovationsgruppen zuordnet, gibt es im Sommer 2020 bundesweit nicht. Insoweit ist die vorgelegte Studie selbst einzigartig und eine Innovation.

Rhein-Kreis Neuss: Gute Position der Innovationsaktivitäten im Vergleich zum Bund

Die Wirtschaft im Rhein-Kreis Neuss steht in Sachen Innovation im Vergleich zur gesamten deutschen Wirtschaft gut dar. 670 Unternehmen im Rhein-Kreis Neuss sind Ende 2019 den Bereichen „Spitzentechnologie / Höherwertige Technologien“ zuzuordnen (Innovationscluster 1). Sie stellen damit rund 3 Prozent der regionalen Unternehmen. Allerdings erwirtschaften sie rund 21 Prozent aller Umsätze und beschäftigen rund 12 Prozent aller Mitarbeiter im Rhein-Kreis Neuss. 7.800 Unternehmen sind Cluster 2 zuzuordnen (38 Prozent), die ihrerseits 35 Prozent des Umsatzes erwirtschaften und 30 Prozent der Beschäftigten stellen. Innovationscluster 2 umfasst Unternehmen, die zwar weniger „FuE“ betreiben, dafür aber mehr in Weiterbildung, Marketing, Umsetzung im Zusammenhang mit Innovationsaktivitäten investieren. Innovationscluster 3 umfasst rund 6.100 Unternehmen (30 Prozent), die rund jeweils 21 Prozent des Umsatzes und ebenfalls 21 Prozent der Mitarbeiter stellen. Dieses Cluster hat Schwerpunkte in der Innovationsanwendung, im Knowhow-Transfer und bei innovativen „Produkt- und Prozessimitationen“. Zwar sind die Anteile der besonders innovationsaffinen Unternehmen an der Gesamtwirtschaft etwas kleiner als im Bundesschnitt, dafür liegt die Umsatzproduktivität je Unternehmen (Ausschöpfungsindex) in diesem Cluster merklich über den Bundeswerten. Zudem liegt der mittlere (absolute) Umsatz je Mitarbeiter (480.000 Euro) ebenfalls deutlich über dem Vergleichswert im Bund (314.700 Euro). Gleiches gilt für diesen Wert bei den Unternehmen mit „mittlerer Innovationsaffinität“ (Cluster 2).

In Summe zeigt sich, dass durch Forschung und Entwicklung getriebene Innovation im Rhein-Kreis Neuss generell stärker von älteren sowie umsatz- und mitarbeiterstarken Unternehmen betrieben wird. Allerdings werden Innovationen in mittelständischen Unternehmen, dies geht auch aus Umfragen zum Innovationsverhalten von Unternehmen hervor, häufiger auf Basis von Erfahrungswissen aus dem normalen Produktionsprozess heraus oder in Zusammenarbeit mit Kunden und Zulieferern entwickelt. Im Übrigen gilt: Die Firmen im Rhein-Kreis Neuss sind im Schnitt nach Umsatzgröße und Mitarbeiterzahl kleiner als im Bund und damit vielleicht (noch) flexibler in der Umsetzung innovativer Entwicklungen und unternehmerischer Effizienz. Zudem sind auch diejenigen regionalen Unternehmen, die keinem Innovationsektor bzw. -cluster zugeordnet werden können, erfolgreicher als bundesweit. Sie erzielen höhere Durchschnittsumsätze je Unternehmen und Mitarbeiter.

Innovationsprofile zeigen Schwerpunkte

Die 3 (vereinfachten) Innovationscluster dokumentieren, welche Unternehmensgruppen 2019 in welcher Kommune besonders innovationsaffin waren. Dabei zeigen die größeren Kommunen Dormagen (Index: 118 Punkte), Neuss (116 Punkte) und Grevenbroich (106 Punkte) überdurchschnittliche Anteile in Innovationscluster 1. Es ist zu vermuten, dass die höhere Innovationsaffinität in den Städten Dormagen, Grevenbroich und Neuss aus den dort stärker ausgeprägten Industriekernen mit umsatz- und vor allem mitarbeiterstarken Unternehmen resultiert. Innovationscluster 1 weist Unternehmen mit „hoher Innovationsaffinität“ aus, also mit erhöhter Forschungs- & Wissensintensität, auch unter den Überschriften „Spitzentechnologie“ / „Höherwertige Technologie“ zusammengefasst. Die Kommunen Meerbusch (114 Punkte), Kaarst (109 Punkte) und Jüchen (101 Punkte) haben in Innovationscluster 2 überdurchschnittliche Anteile. Dieses Cluster weist Unternehmen mit „mittlerer Innovationsaffinität“, also mit mittlerer bis niedriger FuE-Intensität, hoher Humankapital- und / oder Marketingintensität sowie hoher Umsetzungseffizienz, aus.

Rommerskirchen (118 Punkte), Korschenbroich (108 Punkte) und wiederum Neuss (106 Punkte) sind in Innovationscluster 3 („geringe Innovationsaffinität“) überdurchschnittlich aktiv. Dieses Cluster lässt sich durch eine geringe Beteiligung der Unternehmen an technologisch-orientierten Innovationen und einer eher geringeren Bedeutung von Innovation als Wettbewerbsfaktor kennzeichnen. Die Schwerpunkte nach Branche waren das Verarbeitende Gewerbe und die „sonstige Branchen“. Zudem wiesen die Rechtformen GmbH / GmbH & Co. KG, Freie Berufe, GbR/Einzelfirma sowie Unternehmen im Alter von 3 bis 5 Jahren (Jungunternehmen) und im Alter 16 Jahre und älter (Traditionsunternehmen) überdurchschnittliche Innovationsaktivitäten auf. Gleiches gilt für Unternehmen, deren Umsatz bei „mehr als 1 Million Euro“ lag (besonders stark: über 25 Million Euro Umsatz) und deren Mitarbeiterzahl „mehr als 5 Mitarbeiter“ aufwies (besonders stark: über 250 Mitarbeiter).

Innovationsstandort Rhein-Kreis Neuss: Gute Position – Der Mix macht‘s!

Innovation ist eine wichtige Triebfeder für den ökonomischen Erfolg vieler regionaler Unternehmen, wie die vorliegenden Zahlen zeigen. Sie dokumentieren aber auch, dass gerade junge Unternehmen unterdurchschnittlich in den stärker innovationsaffinen Klassen vertreten sind, vermutlich nicht zuletzt aus den oft fehlenden oder unzureichenden Finanzierungsmöglichkeiten. „Um der Wirtschaft zusätzliche Impulse zur Stärkung der Innovationstätigkeit zu geben, hat die Wirtschaftsförderung Rhein-Kreis Neuss die Marke „Innovationskreis“ entwickelt. Bereits Anfang des Jahres konnte im Rahmen des Innovationskreis.Mittelstand das Förderprogramm INNO-RKN gestartet werden. Nach Abschluss der ersten zwei Jurysitzungen erhielten bereits zehn Antragsteller einen positiven Förderbescheid. Mit dem Innovationskreis sollen zudem künftig auch Start-Ups unterstützt sowie Innovationsorte und –netzwerke geschaffen werden“, erklärt Kreisdirektor Brügge.

Dennoch sind auch diejenigen Unternehmen, deren Innovationskraft nach dem angewandten Analysemodell als unterdurchschnittlich oder als schwer messbar einzustufen ist, von hoher Bedeutung für den Wirtschaftsstandort Rhein-Kreis Neuss. Es gilt: „Der Mix macht’s!“. Dabei kann, muss und will nicht jedes Unternehmen Innovationen erzeugen, um erfolgreich am Markt und bei seinen Kunden zu sein. Produkt- und Prozessinnovationen finden Anwender, die nachgelagert durch entsprechende Produkt- und Prozessimitationen ebenfalls großen Anteil an der Gesamtwertschöpfung für sich in Anspruch nehmen können. Dies zeigen insbesondere die ermittelten rechnerischen Mittelwerte zur Umsatzproduktivität je Unternehmen und je Mitarbeiter (Ausschöpfungsquoten) ebenso wie die den weniger innovativen Unternehmen zugeordneten Werte der Kreditwürdigkeit. Diese lassen ebenfalls Rückschlüsse auf den wirtschaftlichen Erfolg der dahinterstehenden Unternehmen resp. Branchen zu.

Wichtig bleibt allerdings auch – und dies ist ein wichtiges Ergebnis der vorliegenden Auswertungen -, dass auch diejenigen Unternehmen, die im hier dargestellten Sinne nur geringe oder vielleicht sogar keine messbaren innovativen Aktivitäten und Potenziale aufweisen, maßgeblich zum Wohlstand von Bürgern, Wirtschaft und Gesellschaft nicht nur im Rhein-Kreis Neuss beitragen. Innovationen sind, so ein weiterführendes Forschungsthema, oft nicht sicht- oder messbar und entstehen oft auch ohne große Forschungs- und Entwicklungsbemühungen. Sie können mit der angewendeten Forschungsmethodik nur sehr begrenzt abgebildet werden und sollten im weiteren Ablauf des Projekts „Innovationsmonitor Rhein-Kreis Neuss“ durch entsprechende Analyse- und Untersuchungsverfahren wie qualitative und quantitative Umfragen erhoben und eingegrenzt werden.

„Innovationskreis Rhein-Kreis Neuss“: Potenziale nutzen – Ideen entwickeln – Partner gewinnen

Insgesamt  zeigen die vorliegenden Ergebnisse als Bestands- und Strukturanalyse, wie das Innovationsgeschehen im Rhein-Kreis Neuss beschaffen ist, wo Schwerpunkte, wo Stärken und Schwächen liegen und wie dieser wichtige Aspekt im Vergleich zur bundesdeutschen Gesamtwirtschaft einzustufen ist. Für eine mittel- und langfristige Innovations- und Innovatoren-Stärkung im Rhein-Kreis Neuss, bedarf es der weiteren Maßnahmenentwicklung und –umsetzung im Rahmen des Innovationskreises Rhein-Kreis Neuss.

Die Wirtschaftsförderung entwickelt derzeit ein „Accelerator-Programm“, welches sich gezielt an Startups aus dem Rhein-Kreis Neuss richtet, um diese mit verschiedenen Servicebausteinen bei der Entwicklung ihres Geschäftsmodelles zu unterstützen. Die Fertigstellung des Konzeptes ist für das zweite Halbjahr 2020 geplant. Daneben sind der Aufbau weiterer Innovationsorte und die Etablierung eines Unternehmensnetzwerkes für die Themenbereiche Digitalisierung & Innovation vorgesehen. Um die Auswirkungen der Maßnahmen auf die Entwicklung der Innovationsaktivität regelmäßig zu analysieren, soll ein jährlicher Innovationsindex ermittelt werden, um daran gezielt Maßnahmen ausrichten zu können.