Fast 22 Jahre war er Chefarzt der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Unfallchirurgie am Grevenbroicher Elisabethkrankenhaus, von 2015 bis 2020 zudem Ärztlicher Direktor des Hauses. Morgen beginnt für Professor Dr. Lothar Köhler die passive Phase seiner Altersteilzeit. Heute Nachmittag ist der 63-jährige „Leitende Kreismedizinaldirektor“, wie sein offizieller Titel lautet, unter großer Anteilnahme verabschiedet worden. Georg Schmidt, Sprecher der Geschäftsführung des Rheinland Klinikums, dankte ihm für diese lange Zeit und das Geleistete. Landrat Hans-Jürgen Petrauschke als Oberster Dienstherr und frühere Weggefährten schickten kurze, herzliche Videobotschaften. In mehr als zwei Jahrzehnten prägte Professor Köhler das Haus, dem er den Großteil seiner Zeit, seines Könnens und seiner Energie gewidmet hat. Dass er sich bei Mitarbeitern in Ärzteschaft und Pflege großer Beliebtheit und Wertschätzung erfreut, bewiesen zahlreiche originelle Abschiedsgrüße und der ebenso warmherzige wie humorvolle Rückblick seiner langjährigen Kollegin Dr. Angela Meyer, Leitende Oberärztin der Chirurgischen Klinik.

Ein Vorreiter der sogenannten „Schlüsselloch-Chirurgie“, erhielt Professor Köhler als Erster bundesweit das Zertifikat „minimal-invasive Chirurgie“ und etablierte neue Operationsmethoden im „Elisabeth“, wie Klinikums-Geschäftsführer Martin Blasig in seiner Laudatio berichtete. Auf Köhlers Initiative gingen Zentrums-Bildungen und Zertifizierungen zurück, die maßgeblich die Qualität der medizinischen Behandlung im Haus an der Von-Werth-Straße bestimmt haben. Dabei blieb er immer bescheiden, menschlich – „ein Arzt im besten Sinne, dem die Patienten schnell ihr Vertrauen schenkten“, so Blasig. Eigenschaften, die sich auch in seinem Engagement für das Friedensdorf International zeigen, das jährlich ein oder zwei Kinder aus Krisengebieten zur kostenfreien Behandlung nach Grevenbroich schickt. Besonnen und jederzeit aktuell informiert lenkte er schließlich das Elisabethkrankenhaus und das Rheinland Klinikum Dormagen durch die ersten Monate der Corona-Pandemie im Jahr 2020. Dabei hätte es ganz anders kommen können für den Kölner von Geburt und aus Überzeugung, der 1958 als Sohn eines Finanzbeamten geboren wurde und im Stadtteil Porz-Ensen aufwuchs. Durch ehrenamtliches Engagement im Alexianer-Kloster kam der damals 15jährige Gymnasiast in Berührung mit der Medizin und wollte nach dem Abitur am Porzer Humboldt-Gymnasium zunächst Psychiater werden. Doch während des Studiums an der Uni Köln wurde bei Nachtdiensten auf Intensivstationen sein Interesse an der Chirurgie geweckt. Während des Praktischen Jahrs im Krankenhaus Köln-Merheim wählte er die Bauchchirurgie und entschied sich für die Unfall- und Viszeralchirurgie.

Nach der Dissertation unterbrach er die Zeit als Assistenzarzt am II. Chirurgischen Lehrstuhl der Uni Köln in den Städtischen Kliniken für ein Jahr, um als wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Chirurgischen Abteilung der Mayo Clinic in Rochester/Minnesota zur Lebensqualität nach Operation bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen zu forschen. „In der weltgrößten Privatklinik mit 120 OP-Sälen waren das ganz andere Fallzahlen, als wir sie kannten“, erinnert er sich gern an das Auslandsjahr, bei dem ihn seine Frau Christa, Gymnasiallehrerin für Englisch und katholische Religion, und der damals anderthalbjährige ältere Sohn begleiteten. Zurück im inzwischen wiedervereinigten Deutschland schloss er die Facharzt-Ausbildung ab, wurde zum Oberarzt ernannt und habilitierte sich. Im Jahr 1999 wurde er als Nachfolger von Professor Rainer Willmen als Chefarzt der Chirurgischen Klinik in Grevenbroich angefragt. „Hier habe ich ein exzellentes Team angetroffen – in der Pflege ebenso wie bei den Ärzten“, sagt er rückblickend. Gerade war der neue OP-Trakt in Betrieb genommen worden, damals einer der modernsten in Nordrhein-Westfalen. Die gute Ausstattung überzeugte ihn, die Stelle anzunehmen. Unter seiner Leitung wurde der palliativmedizinische Bereich aufgebaut, 2013 erstmals das Darmzentrum zertifiziert sowie 2015 die Alterstraumatologie. Dem Operieren gilt seine Leidenschaft bis heute. Für Lothar Köhler gibt es keine kleine oder große Chirurgie, sondern nur gute oder schlechte. Er ist als zügiger Operateur bekannt. „Das ist wichtig, denn je kürzer die OP- und Narkosezeit, desto geringer ist das Risiko für den Patienten“, sagt er.

Der Schritt in den Ruhestand ist lange geplant. „Meine Frau und ich haben bereits vor Jahren entschieden, dass wir Anfang dieses Jahres gemeinsam in Rente gehen wollten“, sagt er. Der Stadt Grevenbroich, wo die Familie sich schnell heimisch fühlte, bleibt der heimatverbundene Rheinländer weiterhin treu. Langeweile wird der Vater zweier Söhne und begeisterte Großvater sicherlich nicht haben. Nicht nur wird er immer öfter von Gerichten als medizinischer Gutachter angefragt, er freut sich auch darauf, mehr Zeit für die Familie, das Lesen und den Garten zu haben sowie für gemeinsame Reisen mit seiner Frau. Und er habe sich, wie er schmunzelnd verriet, als Statist für die nächste Staffel der TV-Serie „Babylon Berlin“ beworben.