Bei den Begriffen „Inklusion“, „Teilhabe“ und „Arbeit für Menschen mit Behinderung“ ist er bundesweit eine echte Institution: Wilfried Gaul-Canjé. 38 Jahre lang arbeitete der Diplompädagoge in verschiedenen Einrichtungen der Behindertenhilfe der heutigen St. Augustinus Gruppe.

Seit 2002 ist er Geschäftsführer der Behindertenhilfe und kümmert sich in verantwortungsvoller Position um psychisch kranke, geistig behinderte und abhängigkeitserkrankte Menschen. Jetzt geht seine Ära zu Ende: Auch wenn gern Wegbegleiter aus ganz Deutschland dabei gewesen wären, wurde der 67-Jährige Corona-bedingt im kleinen Kreis in den Ruhestand verabschiedet – ein Schritt, der dem überaus beliebten und umtriebigen Neusser sichtlich schwer fällt.

„Vom Herzen her war ich kein Geschäftsführer, kein Betriebswirt“, gestand Gaul-Canjé im Rahmen seiner Verabschiedung ein. „Es geht mir immer um die Arbeit mit den Menschen. Ich möchte auf die Menschen mit Behinderung schauen, mit ihnen einen Weg gehen, sie begleiten und im besten Sinne ermächtigen.“ Dabei war der zweifache Vater und inzwischen sechsfache Großvater immer auf der Höhe der pädagogischen Zeit – oder ihr voraus, wie die vielen Video-Grußbotschaften von Weggefährten aus Politik, Verbänden, Klienten, von Mitarbeitenden und befreundeten Geschäftsführern deutlich zeigten: „Sie begegneten allen stets mit Wertschätzung und Wärme und auf Augenhöhe.“

Der Gesamtgeschäftsführer der St. Augustinus Gruppe, Paul Neuhäuser, lobte die große Verlässlichkeit von Wilfried Gaul-Canjé, auch in durchaus kritischen Zeiten: „Deine Arbeit war immer vom Herzen geprägt, du hast den Menschen gesehen und Aufgaben mit klarem Kopf abgearbeitet: strukturiert, klug und ökonomisch. Das habe ich immer sehr geschätzt!“ Landrat Hans-Jürgen Petrauschke hob in seiner Video-Botschaft hervor, wie viel Wilfried Gaul-Canjé im Rhein-Kreis Neuss, im Rhein-Erft-Kreis und Krefeld bewegt hat: „Sie haben im Leben viel geleistet für die Menschen, die mit Einschränkungen leben, und die Arbeit qualitativ nach vorn gebracht.“

Mit der Ehrennadel des Caritasverbandes in Gold und dem Alexianer-Taler erhielt Wilfried Gaul-Canjé im Rahmen der kleinen Feier zwei hochranginge Auszeichnungen. Ständchen, Segenswünsche, Grüße und Glückwünsche wechselten sich auf der Videoleinwand ab. Immer wieder wurde betont, dass Gaul-Canjé den Blick auf die Menschen mit Beeinträchtigungen verändert hat: vom Patienten hin zum Bewohner und Mitbürger. Und bei aller Ernsthaftigkeit und unbestrittenen Kompetenz habe nie der Humor gefehlt. „Ich haben mir vorgenommen, meinen Impulsen weiter zu folgen. Ich bin ein unruhiger Mensch und werde neue Dinge anpacken“, resümierte Gaul-Canjé. „Ich freunde mich langsam mit dem Gedanken an, dass es etwas ruhiger zugehen könnte“. Trotzdem will er die Verbandsarbeit und sein ehrenamtliches Engagement fortführen.

Wie sehr Wilfried Gaul-Canjé für seine Berufung brennt, zeigt seine Schlussbemerkung, die nicht etwa seinen eigenen „Lebensurlaub“ zum Inhalt hat, sondern ein Vermächtnis: „Ich wünsche mir eine fachliche Weiterentwicklung und ein vertieftes Verständnis für Menschen mit Behinderung, und dass die St. Augustinus Gruppe den Pfad der Sorge um diese Menschen gut weitergeht.“ Statt Geschenken erhielt der scheidende Geschäftsführer übrigens Spenden für die Suppenküche.