Vor 130 Jahren erste Kreistagssitzung im Ständehaus Grevenbroich

Als historisch-architektonischer Blickfang liegt am Anfang der Lindenstraße in Grevenbroich ein Gebäude der Kreisverwaltung, das bis heute „Ständehaus“ genannt wird. In diesem Jahr blickt das Ständehaus auf eine 130-jährige Geschichte zurück. Am 6. Dezember 1886 tagte erstmals der Kreistag in dem roten Backsteinbau. Der nach wie vor gebräuchliche Name „Ständehaus“ kommt daher, dass der Kreistag sich damals nicht aus frei gewählten Vertretern zusammensetzte, sondern aus Delegierten der drei Stände des Adels, der Städte sowie der Landgemeinden.

In seinen heutigen Grenzen besteht der Rhein-Kreis Neuss seit 1975. Seine Ursprünge gehen jedoch auf das frühe 19. Jahrhundert zurück. Als die königlich preußische Regierung zu Düsseldorf am 24. April 1816 die Einteilung ihrer Bezirke in Landkreise verkündete, bestimmte sie Grevenbroich zum Kreissitz und den Freiherrn Paul Joseph von Pröpper zum ersten Landrat. Um eine geeignete räumliche Unterbringung kümmerte sie sich aber nicht. Nach anfangs häufigen Umzügen in Grevenbroich und vor allem in Wevelinghoven, was immer wieder zu Streitigkeiten zwischen den beiden Städten führte, fanden schließlich Landrat Karl Friedrich von Oertzen, der seit 1880 an der Spitze des Kreises stand, und die damals noch kleine Verwaltung des Landkreises Grevenbroich in dem zwischen 1884 und 1886 errichteten Ständehaus eine bleibende Unterkunft.

Den Bau des „Landrathurgebäudes“ hatte der Kreistag im Februar 1883 auf Antrag des Kreisdeputierten Reiner Josef Herriger aus Barrenstein beschlossen – mit 14 gegen 6 Stimmen. Bereits am 1. April 1883 erwarb der Kreis für 40.000 Mark den 1,79 Hektar großen Besitz des verstorbenen Industriellen Christian Uhlhorn an der Lindenstraße. Architekt Casper C. Pickel (1847-1939) hat das Gebäude im wilhelminischen Baustil für die damals stolze Summe von 120.000 Goldmark erbaut. Das neue Haus nahm im Erdgeschoss den Sitzungssaal des Kreistages sowie die Büroräume des Landrats auf, in der ersten Etage lag dessen Dienstwohnung, im Dachgeschoss logierten seine Dienstboten. Die Raumkapazität des Gebäudes war schon kurz nach seiner Einweihung erschöpft, da die Kreisordnung für die Rheinprovinz von 1887 die bis dahin rein staatlichen Kreise teilweise kommunalisierte und ihnen neue Aufgaben zuwies. Damit wurde auch eine Personalverstärkung notwendig. Landrat Robert Brüning (1889-1912) ließ deshalb 1896/97 für rund 50.000 Mark unmittelbar östlich des Ständehauses ein zweiflügeliges Bürogebäude direkt an der Lindenstraße errichten. Das als Kreishaus bezeichnete Backsteingebäude passte sich stilistisch dem Ständehaus an, allerdings unter deutlich sparsamer Verwendung von ornamentaler Zierformen.

Mit Ende des II. Weltkrieges war auch die Zeit der herrschaftlichen Wohnkultur vorbei. Seither bestimmt eher nüchterne Bürosachlichkeit das innere Bild des Hauses, in dem sich u.a. das Büro von Landrat Hans-Jürgen Petrauschke und Kreisdirektor Dirk Brügge, sowie das Rechtsamt, die Kommunalaufsicht und das Kreistagsbüro befinden. (Quellen: Dr. Karl Emsbach, Kreisarchiv)

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